Ebenso vielfältig wie die lokalen Stämme Ovambo, Himba, Zemba und Herero, sind auch die Landschaften, die der Kunene-Fluss auf seiner Reise vom zentralen Hochland in Angola bis in den Atlantik, am Foz do Cunene, im namibischen Niemandsland der Skeleton Coast, zurücklegt. Es wechseln sich immergrüne Galeriewälder inmitten trockener Savannen mit hohen Palmen, kargen Ebenen, durch die der Kunene sich wie eine blaue, lebenserhaltende Ader schlängelt, und einfachen, in Flussnähe errichteten Dörfern ab. An den Ufern grasen Ochsen, Kühe, Ziegen, Schafe, Esel und Pferde – außer zum Trinken wagt sich aber weder Mensch noch Tier näher an den Kunene heran. Denn er bietet auch einen Lebensraum für zahlreiche Krokodile, Fische und Vogelarten. Wieso mir gerade die Krokodile in Ruacana fast zum Verhängnis wurden und weshalb Himbas nicht die besten Mitfahrer darstellen, erfährst du in diesem Artikel.
Reiseinformationen für die Kunene-Region
Der Kunene schlängelt sich auf 1.050 Kilometern von Angola Richtung Süden und verläuft dann fast gerade entlang der angolisch-namibischen Grenze bis zur Küste. Sowohl an den Wasserfällen von Ruacana und Epupa, als auch beim Fahren entlang der holprigen Schotterstraßen auf namibischer Seite, kannst du direkt nach Angola hinübersehen. Die Kunene-Region gilt trotz direkter Grenznähe als sicher für Reisende. Selbst im weitläufigen Namibia zählt diese nördlichste Region, zu den abgelegensten und anspruchsvollsten für Selbstfahrer überhaupt. Sicherheit bedeutet hier weniger Kriminalität, die ist aufgrund der geringen Populationsdichte sowieso gering, sondern den richtigen Umgang mit der Isolation, dem anspruchsvollen Gelände und der Selbstverantwortung. Es ist eine sprichwörtliche Grenzerfahrung. Während ich in der letzten Stadt vor den Fällen, Opuwo, beim Tanken und Einkaufen im Spar schier von Bettlern überrannt wurde, begnete mir daraufhin tagelang keine Menschenseele mehr. Gelegentlich hob ein Viehirte am Straßenrand grüßend die Hand, bevor er in der Staubwolke, die mein Jeep auf den Gravel Roads aufwirbelte, zurückblieb.

Das Reisen als Selbstfahrer in der Kunene-Region ist anspruchsvoll, aber machbar. Gut daher, dass du bis zu deiner Ankunft dort ohnehin bereits über 700 Kilometer von Windhoek aus – oder in meinem Fall sogar mehr als 1.400 Kilometer von den Victoria Falls – zurückgelegt hast. Bis dahin solltest du wissen, dass man auf Gravel Roads wirklich nur maximal 60-80 km/h fahren sollte, wo sich der 4×4-Antrieb des Mietautos befindet, wie du kleinere Flussdurchquerungen nach der Regenzeit am besten meisterst und dass du, besonders als Alleinreisende Frau, keine Anhalter mitnimmst. Auch vom nächtlichen Autofahren wird in vielen Reiseführern abgeraten. Manche Mietwagenverleihe gehen sogar soweit, nächtliches Fahren gar nicht erst zu versichern. Ich fuhr einige Tage bereits um 4 Uhr morgens los, als es noch stockdunkel war, und musste zwar langsamer und noch konzentrierter fahren, dafür kreuzten aber auch nicht ständig Kühe, Schafe oder Ziegen überraschend die Straßen. Auch sind die Schotterpisten in Nordnamibia oft so eng, dass man in der Staubwolke des entgegenkommenden Fahrzeugs nahezu blind wird und gezwungen ist, kurz am Rand zu halten. Mein Mietwagenverleih Asco Car Hire versicherte zwar Nachtfahrten – empfehlen würde ich es besonders Afrika-Neulingen dennoch nicht.
Die wichtigsten Tipps für Selbstfahrer
Das Schöne in Namibia? Man verfährt sich eigentlich nie. Von Windhoek kommend fährst du die B1 nach Outjo immer nordwärts, wechelst dann auf die C39 Richtung Kamanjab und schließlich links auf die C41 Richtung Opuwo. Ich nahm mein Mietauto in Victoria Falls entgegen, reiste über Botswana nach Namibia ein und folgte dem Caprivi-Streifen bis nach Rundu, von wo aus es immer die B10 entlang, und schließlich dem Kunene rechts von mir folgend weiter zu den Ruacana Falls ging. Auffallend oft durchfuhr ich Orte mit O – Oshikango, Ongenga, Okambebe, Odimbwa, Okalongo, Onembaba, Oshipaya, Outapi… Ich war im Oshiwambo-Land angekommen. So ähnlich die Anfangsbuchstaben der Ortsnamen, so gleich war auch das No Signal-Symbol auf meinem Handy. Denn in großen Teilen Nordnamibias (den Caprivi eingeschlossen), gibt es außerhalb der Ortschaften oft wenig bis gar kein Netz. Besorge dir vor der Reise also unbedingt eine detaillierte, aktuelle Landkarte! Ich habe mir zudem vorab Offline-Karten von Tracks4Africa und MapsMe heruntergeladen.

Das häufigste Problem für Selbstfahrer sind Pannen. Es kann Stunden oder Tage dauern, bis sich Hilfe nähert – vorausgesetzt du hast genügend Handyempfang, um die Notfallnummer deines Mietwagenverleihs anzurufen. Du kannst Pannen zwar nie zu 100% ausschließen, dennoch durch vorsichtiges und angepasstes Fahren, das Risiko von Unfällen verringern. Besonders nach der Regenzeit gibt es rund um die Flüsse in Nordnamibia einige Tiefsandpassagen – fahre vorsichtig und langsam. Denn der Kunene heißt in den lokalen Bantussprachen übersetzt nicht ohne Grund „der, der viel Wasser führt“. Während der schweren Regenfälle 2025 trat er an vielen Stellen übers Ufer und verwüstete Straßen, Häuser und Äcker.
Beachte außerdem:
- Abblendlicht immer einschalten
- Flussdurchfahrten nur bei sicherem Wasserstand
- Reifendruck anpassen
- Dieselkanister in Opuwo füllen
- Im Vorhinein checken, dass Ersatzreifen (aufgepumpt) & Wagenheber im Auto sind
- Früh aufbrechen, um nicht Gefahr zu laufen, erst bei Dunkelheit am Zielort einzutreffen
Hilfreich kann es auch sein, jemanden deine Route und Rückkehrzeit mitzuteilen. Buche die Unterkünfte unbedingt vorab. Rund um die Ruacana Falls und Epupa Falls gibt es nur eine handvoll guter Unterkünfte und die sind schnell ausgebucht. Decke dich außerdem mit ausreichend Wasser und Lebensmitteln ein. Es kommt ab Opuwo kein einziger Shop mehr! Beim Einkaufen in Opuwo habe ich eine Parkplatzwächterin vor dem SPAR Supermarkt direkt angesprochen und gebeten, ein Auge auf den Toyota Hilux zu werfen – normalerweise ist es in Namibia immer andersherum. Du steigst aus und sofort bietet dir ein Parkplatzwächter seine Hilfe an. Denn ich hatte noch keine zwei Beine aus der Fahrerkabine geschwungen, als zahlreiche Bettler, Kinder in zerlumpten Kleidern, Himbafrauen und ältere, verkrüppelte Menschen, sich rund um den Wagen versammelt hatten und auf verschiedenen Sprachen auf mich einredeten. Die Geste war allerdings klar – offene Handflächen, auf denen der Himbafrauen lagen zudem selbstgebastelte Armbänder, die sie versuchten mir anzulegen und immer die Bitte nach Money, Money, Money. Dieser Einkauf in Opuwo, vor allem der Rückweg, als ich mit Lebensmitteln und meinem Geldbeutel noch im Anschlag zum Auto zurückkehrte, war einfach unangenehm. Und ich zähle ihn zu den wenigen Momenten während meiner 7 Monate in Namibia, während dem ich mich ehrlich unwohl fühlte. Einer der wenigen Momente, während dem ich jemandem befahl, mir aus dem Weg zu gehen. Denn inzwischen waren noch einige junge Männer mit bunten Lendenschürzen zu der Gruppe an Wartenden hinzugestoßen, die sich ganz besonders für meine Einkäufe interessierten.

Ich würde mich jeder Zeit wieder für einen Toyota Hilux in Namibia entscheiden, auch wenn diese zu den teuersten Mietautos zählen. Sie sind hochgelegen, bieten ein angenehmes Fahrgefühl und genügend Stauraum. Vor allem aber kannst du all dein Gepäck auf der abgedeckten Ladefläche einsperren – und das solltest du auch immer tun! Vorder- und Rücksitze müssen völlig leer sein, damit niemand in Versuchung kommt, die Scheiben einzuschlagen. Das ist in Rom aber übrigens nicht anders – selbst da hat man mir eine der hinteren Scheiben meines Audis eingeschlagen, weil der Kofferraum abgedeckt war. Lieber alles offen lassen, damit potentielle Diebe wissen, Einbruch lohnt sich nicht.
Besuch der Wasserfälle:
Je nachdem, ob du angolische oder namibische Straßenschilder liest, ändert sich auch die Schreibweise:
- „Cunene“ = portugiesische Schreibweise (Angola)
- „Kunene“ = deutsche/englische Schreibweise (Namibia)
Angolas Amtssprache ist seit der Kolonialzeit Portugiesisch, wohingegen Namibia zwar in vielerlei Hinsicht noch deutsch geprägt ist, die offizielle Sprache jedoch Englisch ist. Unabhängig von der jeweiligen Schreibweise ist es der Kunenefluss mit seinen Wasserfällen sowie das Kaokoveld mit seinen Steilrandbergen und traditionellen Himbadörfern, welche die meisten Tourisen in die Region locken.
Vom Caprivi bis zu den Ruacana Falls
Ich gebe zu, die Fahrt von meiner letzten Station im Caprivi, dem Ngepi Camp am Cubango Fluss, bis nach Ruacana habe ich unterschätzt. 857 Kilometer, knappe 10 Stunden Fahrt, und das an nur einem Tag. Selbst für meine Verhältnisse ist das viel. Pünktlich zum Sonnenaufgang war ich in Rundu und fuhr dann dann immer schnurgeradeaus, entlang der angolanischen Grenze. Dabei durchquerte ich Landschaften und Dörfer entlang der B10 und C46, in die sich ansonsten garantiert keine Touristen verirren. Das erkannte ich anhand der Reaktion der Locals.

Am späten Nachmittag errreichte ich die Wasserfälle von Ruacana. Du folgst der D3700 bis zum Ende. Dort siehst du eine Schranke, neben der es sich gewöhnlich ein Wachmann auf einem Plastikstuhl gemütlich macht. Du stellst dich vor, er notiert dein Kennzeichen und weiter gehts. Dafür folgst du einfach dem steinigen Weg bis zu einer Ruine, an der dieser einfach endet. Als ich parkte, befand sich dort noch das Auto eines deutschen Ehepaars, ansonsten saßen nur einige Kinder auf einer Mauer und baten um Essen. Die Wasserfälle hörte ich jedoch schon, als ich aus dem Auto stieg. Obwohl der Kunene einer von den fünf Flüssen in Namibia ist, der ganzjährig Wasser führt, überraschte mich der niedrige Wasserstand. Grund dafür sind neben den geringen Niederschlagsmengen zuvor im Angolischen Hochland, dass die Wehrtore der zwei Wasserkraftwerke am Kunene zum Zeitpunkt meiner Reise wohl geschlossen waren. Eines von ihnen wurde bereits 1970 von Südafrika zur Wasserversorgung errichtet. Am beeindruckensten sollen die Ruacana Wasserfälle daher bei Hochwasser zum Ende der Regenzeit sein (April/ Mai) oder bei Schleusenöffnung des 40-Kilometer weiter flussaufwärts gelegenen Stausees Calueque Damm.

Nach knapp 10 Stunden on the road war ich froh, nach etwa 20 weiteren Autominuten über Geröll, Fels und Stein, das Schild zu meinem Campinplatz Raycana Accomodation and Campsite zu entdecken. Dieser liegt hoch oben auf einem Plateau und die Anfahrt ist so steil und steinig, dass ohne Allrad definitiv keine Weiterfahrt möglich ist. Die Aussicht von oben auf den Kunene-Fluss und die umliegende Landschaft bis nach Angola ist phänomenal. Dennoch kann ich dir diesmal ausnahmsweise keine Empfehlung für den Campingplatz aussprechen. Ich freundete mich während meiner drei Tage hier ein wenig mit den Mitarbeitern an. Sie nahmen mich mit zur Baustelle unten am Fluss, der während der Regenzeit so sehr angestiegen war, dass er den gesamten unteren Campingplatz mitsamt des Anwesen einer der Mitarbeiter einfach überschwemmt hatte. Wir aßen zusammen und unterhielten uns lange. Sie lebten in Zelten hinter dem Campingplatz, trugen allesamt zerschlissene, ausgeblichene Kleidung und arbeiteten 7 Tage die Woche, nur um alle paar Wochen mal ihre Familien zu besuchen. Bezahlt wurde keiner von ihnen. Währendessen baute sich der angolische Chef Raymond ein Luxusanwesen oben auf dem Plateau und macht mit rund 680 Namibischen Dollar pro Nacht und Camper ein gutes Geschäft. Für mich ein absolutes No Go! Völlig schockiert waren die Mitarbeiter übrigens von meinem kleinen Ausflug zum Flussufer am zweiten Tag. Dort hatte ich einige Zeit verbracht, genoss es, mal nicht zu Fahren, kühlte mir die Füße im Wasser und blickte auf den Fluss mit seiner starken Strömung. What about the crocodiles fragten sie mich völlig schockiert, als ich ihnen stolz von meinem Ausflug erzählte. Tatsächlich, in dem Paradies aus Palmen, Sand und Fluss soll es von Krokodilen nur so wimmeln. Bloß die starke Strömung würde sie zu dieser Jahreszeit vom Ufer fernhalten. Regelmäßig verschwenden Ziegen, Schafe und sogar Menschen unten aus dem kleinen Dorf. Der Kunene ist eben eine wichtige Lebensader für alle Lebewesen in der Region.
Wirklich viele Alternativen zur Raycana Campsite gibt es rund um Ruacana allerdings nicht. Da wäre noch das Omunjandi Camp. Das Hippo Camp direkt am Fluss hat laut Raymond bereits vor einigen Jahren schließen müssen. Ob die Krokodile wohl etwas damit zu tun hatten?
Weiterfahrt zu den Epupa Falls
In älteren Reiseführern und Reiseblogs wirst du noch auf die Möglichkeit stoßen, von Ruacana aus über die D3700 über Swartbooisdrift nach Epupa zu gelangen. Diese eigentlich wunderschöne Straße am Kunene entlang, ist jedoch von den Wassermassen während der Regenzeit Anfang 2025 dermaßen zerstört worden, dass eine Durchfahrt sehr lange dauert. Außerdem versperren immer wieder Felsblöcke und Geröll den Weg, ganz zu Schweigen von den Tiefsandpassagen. Ich wählte also den längeren Weg über Opuwo, da ich sowieso Tanken wollte. Von Opuwo ist die Anfahrt dann ganz einfach. Du folgst bloß der Sandpiste C43, die schließlich in Epupa endet. Pass in den schlecht einsehbaren Kurven besonders auf – oft überraschte mich direkt dahinter eine Herde Ziegen oder seelig über die Fahrbahn marschierende Sanga Rinder, das traditionelle Vieh der Himbas. Ansonsten säumt nur ab und an ein Mopanebaum die Straße. Die Einsamkeit und Isolation ist etwas, mit der du im Norden Namibias einfach klar kommen musst.

In Epupa angekommen, war ich überrascht, nach Tagen der Einsamkeit wieder andere Expeditionsmobile zu sehen. Die meisten übernachteten so wie ich auf der Omarunga Epupa Falls Campsite, der wie alle Unterkünfte von Gondwana die ich in Namibia testete, einfach Spitze war! Die Stellplätze lagen direkt am Fluss, es gab ein Restaurant mit Bar und übernachtet wurde unter alten Baobabs und riesigen Makalani Palmen, die mir das Gefühl gaben, tief in den Tropen und nicht im trockenen Kaokeveld zu sein. Die Wasserfälle von Epupa sind nur wenige Gehminuten vom Campingplatz entfernt. Dabei passierst du auch den Community Campingplatz, von den mir meine namibischen Freunde im Vorhinein abgeraten hatten. Hier war es bei Nacht bereits zu Überfällen auf Touristen gekommen. Der Weg zu den Fällen erinnerte mich ein wenig an Victoria Falls, denn es ging vorbei an zahlreichen Straßenverkäufern, die Holztiere, Gemälde der Afrikanischen Big 5 und bunte Tücher anpriesen.

Die Epupa Falls werden im Nachbarland Angola auch Monte-Negro-Fälle genannt. Für die Hereros bedeutet epupa in Otjiherero „Schaum“, in Anspielung auf die Schäumung der Wasserfälle, wenn sie an ihrer höchsten Stelle 40 Meter in die Tiefe stürzen. Die Kraft des Kunene-Flusses hat an dieser Stelle enge Schluchten ausgewaschen. Tatsächlich gehören die Felsen der Epupa Falls zu den ältesten Gesteinen Namibias. Einige von ihnen sind etwa 2,5 Milliarden Jahre alt! Es gibt mehrere (inoffizielle) Aussichtspunkte rund um die Fälle. Tatsächlich kannst du bis an die steilabfallende Kante der Fälle heran, an der keine Absperrung Besucher vor dem tödlichen Sturz die Kante herunter schützt. Die Felsen sind feucht und rutschig – aber in Afrika ist wie so oft eben jeder für sich selbst verantwortlich. Apropos für sich verantwortlich sein – vor einigen Jahren löste der Plan der namibischen Regierung, ein Wasserkraftwerk im Gebiet Epupa am Kunene zu bauen, entschiedene Proteste der letzten dort lebenden Halbnomaden Namibias, der Ovahimbas aus. Damit verhinderten sie den Bau, der jetzt in die Region der Baynesberge verschoben werden soll.
Mungunda Camp and Living Museum
Die Ovahimba. Sie leben im trockenen Nordwesten Namibias, dort wo Staub, Sonne und Wind den Rhythmus des Tages bestimmen. Sie siedelten schon in der Region, als es Namibia und Angola als Länder noch gar nicht gab, sodass Familien heute häufig über Staatsgrenzen hinweg verbunden sind. Auch in meinem Reiseführer wurden sie unter dem Namen Himba aufgeführt –doch Ovahimba ist die Bezeichnung, mit der sie sich selbst benennen: ein Wort aus ihrer Sprache Otjiherero, das schlicht „die Himba-Leute“ bedeutet. Traditionell leben sie halbnomadisch, d. h. sie haben feste Heimatsiedlungen mit Hütten, Viehgehegen und vor allem dem heiligen Feuer, während gleichzeitig einzelne Familienmitglieder oder ganze Haushalte saisonal umziehen, vor allem mit dem Vieh, um Weideflächen und Wasserstellen zu suchen. Reichtum ist bei den Himbas vierbeinig – denn Status misst sich bei ihnen nicht in Geld, sondern in Rindern. Genau genommen züchten sie seit jeher Sanga Rinder, die für ihre langen, gebogenen Hörner bekannt sind. Die Ovahimba führen einige Traditionen, die für uns Westler auf den ersten Blick seltsam wirken, jedoch tief mit der Stammesgeschichte verbunden sind. Viele Ovahimba waschen sich wochen- oder monatelang nicht mit Wasser. Stattdessen nutzen sie Rauchbäder und otjize – eine Mischung aus Butterfett und rotem Ocker. Das schützt vor Sonne, Insekten und Austrocknung. Die Dörfer sind nach einer ganz speziellen Weise aufgebaut, mit dem Dorfältesten im Zentrum und dem Tiergehege in der Mitte, um das wertvolle Vieh vor Angriffen durch Wildtiere zu schützen.

Auf der Fahrt durch Nordnamibia stößt du immer wieder auf Schilder mit Aufschriften wie „Visit Himba“, „Traditional Himba Village“ oder „Cultural Himba Museum“. Im Damaraland ist es mit den Damaraleuten ganz ähnlich. Natürlich ist der Wunsch der Menschen vor Ort nachvollziehbar, durch den Besuch von Touristen Einkommen zu generieren. Mir war jedoch von Anfang an wichtig, nicht auf einer künstlichen Bühne zu landen, die eigens für Touristen geschaffen wurde, sondern ein Dorf zu besuchen, in dem das Leben tatsächlich stattfindet. So informierte ich mich vorab und stieß auf das Mungunda Camp and Living Museum in Ohandungu, ein „echtes“ Himbadorf, das von einer deutschen Museumsorganisation betreut wird. Die Männer waren mit dem Vieh unterwegs und als einziger Gast an diesem Tag, wurde ich von den Frauen und Kindern herzlich willkommen geheißen. Für 250 Namibische Dollar, für die es sogar eine Quittung der Deutschen Organisation gab, wurde ich durch das Dorf geführt, durfte einen Blick in die Lehmhütten werfen und mich mit den Frauen mittels eines Übersetzers unterhalten. Alle stellten sie mir dieselbe Fragen – Where are you from, where are your husband and children, how many children do you have, what are you doing here alone? Fragen, die ihren Alltag bestimmen, denn traditionell heiraten die Himbas früh, im Alter von 15-16 Jahren und gebären deutlich mehr Kinder, als im namibischen Durchschnitt üblich ist.
Am Ende meines Besuchs fragten mich dann noch zwei Himbafrauen, ob ich sie mit auf meinem Weg nach Epupa nehmen könnte. Ich willigte zwar ein, am Ende entschieden sie sich aber doch dagegen mit zu fahren. Glück für mich – denn ihre rote Hautfarbe hätte mir die teuren Sitze meines Mietwagens ziemlich eingesaut. Asco hätte mir mit Sicherheit eine sehr hohe Reinigungsgebühr in Rechnung gestellt. Diese rote Hautfarbe ist nämlich kein „Look für Touristen“, sondern Schutzschicht, Identitätsmarker und Lebensanzeige zugleich. An Frisuren erkennt man sofort: Kind, unverheiratet, verheiratet, Mutter – noch bevor ein Wort gesprochen wird. Fürs Autofahren sind die rote Hautfarbe und die lehmigen Haarsträhnen jedoch absolut ungeeignet.

Während meines Besuchs im Himbadorf realisierte ich, dass die Uhren hier einfach anders laufen. Es gibt nämlich gar keine. Der Tag richtet sich nach Vieh, Hitze und Gemeinschaft. Termine entstehen im Gespräch, nicht im Kalender. Entscheidungen werden oft vertagt – nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil Beziehungen wichtiger sind als Geschwindigkeit. Und so erhielt ich an diesem Nachmittag in Mungunda einen Einblick in die Lebenswelt einer Bevölkerungsgruppe Namibias, die oft missverstanden wird und teils krasse Ausgrenzung erfährt. Kaum eine Gruppe wird (vor allem von Touristen) so oft fotografiert, wie die Ovahimbas. Sie bewegen sich bewusst zwischen Anpassung und Abgrenzung: Handy in der Hand, traditionelle Kleidung am Körper. Tradition ist hier keine Bühne, sondern eine Entscheidung – ein Living Museum eben. Und für einige Stunden durfte ich Teil davon sein.
Die Reiseroute im Detail
Das Zitat „Ankommen ist ein Moment, unterwegs sein ein Zustand“ hat auf meiner Reise durch Nordnamibia eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ich bin jeden Morgen zeitig aufgebrochen, weil ich zur frühen Stunde einfach am fittesten bin. Begleitet von Hörbüchern, Podcasts und meiner liebsten Roadtrip-Playlist (die ich dir auch auf Horseshoe Travel verlinkt habe), habe ich mich bei Laune gehalten und stets darauf geachtet, ausreichend Wasser, Snacks und natürlich Diesel für den Hilux an Bord zu haben. Mindestens genauso wichtig wie das Weiterkommen waren jedoch die Pausen – um durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen und die unfassbar schöne Landschaft entlang des Kunene einfach auf mich wirken zu lassen.

Fazit
Das größte Risiko einer Reise durch Nordnamibia ist nicht der Mensch, sondern die Abgeschiedenheit. Die Trockenheit, die flimmernde Hitze, die langen, monotonen Straßen und die ständige Wachsamkeit, die wegen plötzlich auftauchender Tiere, Menschen oder unebener Pisten nötig ist, gestalten das Unterwegssein anspruchsvoll. Hunderte Kilometer folgte ich der angolanischen Grenze und einem der wenigen Flüsse des Landes, der ganzjährig Wasser führt. Entlang des Kunene breitet sich eine überraschende Oase aus: Palmen, exotische Bäume und grüne Galeriewälder säumen seine Ufer.
Ich hatte das Privileg, eine Region zu bereisen, die sich wie das sprichwörtliche Ende der Welt anfühlt – ein Ort, in den es überhaupt nur wenige Menschenseelen verschlägt. Mit Ausnahme des lokalen Stammes der Ovahimba, die sich zwischen schlechtem Handyempfang, fehlender Infrastruktur und den natürlichen Herausforderungen des Kaokovelds zu Hause fühlen. Sie gehören zu Nordnamibia ebenso wie die schroffen Berge, die trockenen Ebenen und die Wasserfälle von Ruacana und Epupa, in denen sich der Kunene schäumend entlädt. Ebenso wie die Krokodile, die so manch einem tierischen oder menschlichen Bewohner des Kaokevelds schon zum Verhängnis geworden sind. Denn wie auch eine Ader in unserem Körper ist der Kunene eine blaue, sich schlängelnde Lebenslinie, an der Nähe und Gefahr untrennbar zusammengehören.
Weitere Artikel über das Reisen in Namibia:
-Folgen bald- (Versprochen)
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