Alleinreisen als Frau in Marokko: Wie es wirklich ist

Marokko ist ein sehr beliebtes aber auch vorurteilsbelastetes Reiseziel, das wurde mir zum ersten Mal während meiner Recherchen vor meiner ersten Marokkoreise bewusst. Ein Jahr lebte und arbeitete ich in Marokko, reiste alleine quer durchs Land und lernte die nordafrikanische Lebensweise kennen und lieben. In diesem Artikel möchte ich die häufigsten Vorurteile thematisieren und aufklären, wie es tatsächlich als Alleinreisende Frau in Marokko ist.

Ein Land im Wandel

Marokko ist eines der schönsten Länder der Welt mit seiner unglaublichen Flora und Fauna, zwei Weltmeeren, dem höchsten Berg Nordafrikas und dem Erg Chebbi und der Erg Chegaga. Die Nordafrikaner sind ein unvergleichbar herzliches und einladendes Volk, weshalb mir dieser Artikel und damit die Prävention ungerechtfertigter Vorverurteilungen besonders am Herzen liegt. Er soll besonders all denjenigen Frauen gewidmet sein, die mit dem Gedanken spielen, Marokko alleine zu bereisen oder möglicherweise bereits ihr Flugticket gebucht haben und nun aufgrund kritischer Erfahrungsberichte und Horrorgeschichten aus dem Bekanntenkreis oder dem Internet verunsichert sind.

Seit 2004 ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau auch im marokkanischen Gesetz verankert und besonders in den großen Städten ist ein Umdenken der Gesellschaft spürbar. Aufgrund der geographischen Nähe zu Europa, dem Einfluss der vielen jährlichen Touristen und den weltoffenen, toleranten Einwohnern, besonders der jüngeren Generation, gilt Marokko als eines der liberalsten und modernsten muslimischen Länder. Und doch sollte sich jeder Besucher eines muslimischen Landes auf die kulturellen, religiösen und sozialen Unterschiede vorbereiten und einstellen.

Besonders auf Touren wie dieser quer durch das Atlas-Gebirge, solltest du dich von einem professionellen Guide begleiten lassen

Wie sind die Männer vor Ort wirklich?

Siebzig Prozent der marokkanischen Bevölkerung ist unter dreißig Jahre alt und da viele Frauen sich bedeckt bzw. noch immer Zuhause bei den Kindern aufhalten, bekommst du schnell das Gefühl, in Marokko nur von Männern umgeben zu sein. Die meisten von ihnen haben vor der Hochzeit kaum die Möglichkeit Frauen kennenzulernen und schon gar keine ausländischen. Das verbreitete Vorurteil, westliche, Alleinreisende Frauen seien in der Regel verfügbar und ein lebendiger Freifahrtsschein für Marokkaner, die ihr Land verlassen möchten, ist der Grund für viele Anmachen. Viele junge Männer flirten daher gezielt westliche Frauen aus der verzweifelten Hoffnung auf eine Zukunft in einem anderen Land oder zumindest einem sexuellen Abenteuer an, wie es mit vielen strenggläubigen Musliminnen nicht möglich wäre.

Auch ich musste mich erstmal an diese permanente Aufmerksamkeit, die unerwünschten Blicke und Bemerkungen gewöhnen und zu Beginn hat mich dies sehr verunsichert. Nach einem Jahr in Marokko wusste ich irgendwann, wie ich mich am besten zu verhalten habe und zudem schreckte mein Hund Gismo bereits viele Marokkaner ab. Mehr dazu kannst du in meinem Artikel Mit Hund nach Marokko reisen nachlesen. 

Mein anfänglicher Fehler war, dass ich aus Höflichkeit und Mitleid auf jede Anmache, Ansprache oder Einladung reagiert bzw. diese angenommen habe. Um dich selbst zu schützen solltest du jedoch lernen, vorallem Erstere zu ignorieren und dich nicht gezwungen fühlen, irgendwelche Einladungen anzunehmen. Deine eigene Sicherheit und dein Wohlbefinden stehen stets im Vordergrund und du brauchst dir nicht alles gefallen zu lassen.

Ist Marokko für Alleinreisende Frauen nun gefährlich?

Nein. Marokko ist ein sehr sicheres Reiseland, jedoch solltest du einige Dinge besonders bezüglich Verhaltens- und Kleidungsweise beherzigen. Wie überall auf der Welt ist dein wichtigster Reiseführer dein Bauchgefühl. Als Alleinreisende Frau musst du ein Gespür für potenziell gefährliche Situationen entwicklen oder diese am besten im Vorhinein vermeiden, indem du beispielsweise Nachts nicht alleine umherwanderst oder unnötige Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Außerdem unterscheidet sich die Mentalität der Marokkaner je nach Region immens. In vielen Bergdörfern haben die Bewohner noch nie Fremde kennengelernt, während in den Großstädten wie Fès oder Marrakesch Faux Guides und dreiste Verkäufer gezielt auf Touristenjagd gehen.

Touristenfänger in Marrakesch, lass dich besonders von den sogenannten Faux Guides nicht einschüchtern

Reisewarnungen liegen einzig für die Grenzregion zu Algerien und die Westsahara vor, zudem wird seit einem tödlichen Gewaltverbrechen gegen zwei Touristinnen im Atlas-Gebirge im Dezember 2018 von Wandertouren in den Bergen und der Sahara ohne Guide abgeraten. Das Rif-Gebirge in Nordmarokko gilt als weltweit größtes Anbaugebiet für Haschisch und da auf Drogenbesitz hohe Haftstrafen liegen, solltest du besonders in dieser Region sehr vorsichtig sein.

Die wichtigsten Verhaltens- und Sicherheitstipps:

Kleide dich angemessen

Das A und O bei einer Reise in ein muslimisches Land ist angemessene Kleidung. Denn sie ist ausschlaggebend für die Akzeptanz der Einwohner dir gegenüber. Besonders in den überfüllten Medinas der Großstädte aber auch auf dem Land, wo die Menschen nicht an den Anblick spärlich bekleideter Touristinnen gewöhnt sind, solltest du möglichst Schulter und Knie bedecken. Deine Haare brauchst du auf der Straße nicht zu verbergen und in den touristischen Gegenden wie Agadir kannst du selbstverständlich auch mit Bikini am Strand liegen, jedoch musst du mit schmachtenden Blicken rechnen. Eine Sonnenbrille hilft übrigens immer gegen Blickkontakt. Suche außerdem nicht den Blickkontakt der Männer.

Lerne einige grundlegende Phrasen Arabisch und gewöhne dir Standardantworten an

Auch wenn Französisch und teilweise sogar Englisch in fast ganz Marokko gesprochen wird, zeigst du doch mehr Respekt und sammelst eindeutig Sympathien bei den Einheimischen, wenn du einige Wörter Arabisch beherrschst. Die drei ersten Phrasen die ich lernte waren:

★ Salam- Hallo

★ Shukran (bzaf)- (Vielen) Dank

★ Uḥibbuk- Ich liebe dich

Mache dich auch mit den generellen Umgangsformen der Marokkaner bekannt, wenn man sich z.B. die Hand gibt, legt man diese danach für einige Sekunden aufs Herz, eine schöne und respektvolle Geste.

Wandere in der Dunkelheit nicht alleine umher

Vermeide es bei Dunkelheit alleine unterwegs zu sein, zahle lieber ein paar Dirham für ein Taxi zurück zu deiner Unterkunft, denn deine Sicherheit hat stets die oberste Priorität. In Marokko gilt, dass „Gute Frauen“ nach Einbruch der Dunkelheit Zuhause zu sein haben. Riskiere nicht deine Sicherheit und zahle lieber ein paar Dirham für ein sicheres Taxi.

Wähle sichere Transportmittel 

Auf Trampen solltest du trotz aller Abenteuerlust lieber verzichten und stattdessen öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Besonders in den großen Bussen und überfüllten Grand Taxis ist es empfehlenswert, sich neben eine andere Frau zu setzen. Ich bin durch ganz Marokko alleine in meinem VW-Bus gefahren und wurde zwar an den Polizeikontrollen teilweise etwas schräg angeschaut und nach Führerschein und Autopapieren gefragt, hatte jedoch nie irgendwelche Probleme, abgesehen von den zum Teil grausamen Straßenverhältnissen.

Mehr über meine Reise mit VW-Bus durch Marokko, kannst du hier nachlesen; Mit eigenem Fahrzeug nach Marokko reisen: Planung, Organisation und Ablauf.

Vorsicht bei der Unterkunfts- und Restaurantwahl

Die wenigsten Restaurants haben die Erlaubnis Alkohol auszuschenken, sodass du dafür am besten eines der großen (Hotel-)restaurants wählst. Zudem sind billige Unterkünfte, beliebte Einheimischenbars und Discos häufig Treffpunkte für Prostituierte und deren Freier. Da in Marokko der Sextourismus blüht, und einfach um Missverständnisse zu vermeiden, solltest du um solche Etablissements lieber einen Bogen machen.

Nutze den Beschützerinstinkt der Männer

Marokkaner sind unglaublich gastfreundlich und besonders Alleinreisenden Frauen gegenüber sehr hilfsbereit und regelrecht beschützend. Wann immer ich mich in einer unangenehmen Situation befand, egal ob bei einer Autopanne, einem aufdringlichen Verkäufer oder Übersetzungsschwierigkeiten bei den Behörden, hat mir ein Mann seine Hilfe und somit auch seinen Schutz angeboten.

Wenn du den Marokkanern höflich, respektvoll und offen für ihre Kultur und Sitten entgegentrittst, wirst du eine wahrhaft einzigartige Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit kennenlernen

Als Alleinreisende Frau hast du übrigens den großen Vorteil, auch Marokkanerinnen kennenlernen zu können. Wenn ich doch mal im Dunkeln zu der Pferderanch auf der ich arbeitete zurücklief, hielten häufig Polizeiautos oder Leute die denselben Heimweg wie ich hatten, um mich das letzte Stück mitzunehmen.

Reise mit einem Mann zusammen

Natürlich ist es deutlich einfacher zusammen mit einem Mann zu reisen als alleine, egal ob er dein fester Partner ist oder nicht, denn du wirst weniger angestarrt, angesprochen und schon gar nicht angemacht. Bei Fragen oder Problemen wenden sich die Marokkaner an deine männliche Reisebegleitung und niemals an dich, wollt ihr jedoch zusammen in ein Hotelzimmer einchecken und der Mann wird für einen Muslim gehalten, werdet ihr mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nach einer Kopie der Heiratsurkunde gefragt, da vorehelicher Sex für Muslime verboten ist. Ein Ring am Finger schreckt übrigens keinen Marokkaner vor einer Anmache ab.

Probiers mal mit Gemütlichkeit

Lass dich in den bunten, chaotischen Souks der Großstädte nicht stressen, denn die exotischen Gerüche, lauten Geräusche und das Wirrwarr aus Ständen, Fußgängern, Mopeds, Eselskarren und Straßentieren können dich vorallem zu Beginn deiner Reise überfordern. Mache es wie die Marokkaner, ziehe dich in ein ruhiges Café zurück, trinke ein Glas Minztee und schaue dir das Treiben ganz in Ruhe an.

Fazit

Verhalte dich als Alleinreisende Frau in Marokko unauffällig und respektvoll, denn du ziehst auch so schon genügend Aufmerksamkeit auf dich. Kleide dich angemessen, lerne einige Phrasen Arabisch und sei auf der Hut, aber entwickele keine Paranoia vor potenziellen Gefahren oder gar den marokkanischen Männern allgemein. Denn überall auf der Welt kann dir etwas passieren, wenn du nur zur falschen Zeit am falschen Ort bist.

Trete stark und selbstbewusst auf, besonders gegenüber Polizisten, dreisten Taxifahrern und korrupten Grenzbeamten. Marokko ist kein gefährliches Land für Besucher, ganz im Gegenteil. Außerdem bist du nie so wirklich alleine, besonders aufgrund der immensen Hilfsbereitschaft und dem Beschützerinstinkt vieler Einheimischer Alleinreisenden Frauen gegenüber.

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Verfasst von

Hi, ich bin Nadine, 23 Jahre alt und komme ursprünglich aus Köln. Seit einer achtmonatigen Soloreise durch Asien nach dem Abitur hat mich das Reisefieber gepackt. Vor drei Jahren kaufte ich mir meinen 42 Jahre alten VW-Bus "Henry" mit dem ich seither quer durch Europa bis nach Marokko und Russland reiste. Begleitet werde ich dabei von meinem Hund Gismo. Im Augenblick befinde ich mich im Praxissemester in Transilvanien.

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