Als Volontär in einem japanischen Reitstall

Letzten Sommer arbeitete ich sechs Wochen in einem Reitstall in Gotemba und möchte dir in diesem Artikel von meinen positiven wie auch negativen Erfahrungen berichten.

 

Eigentlich war meine Arbeit im japanischen Reitclub ein absoluter Traumjob, täglich lernte ich neue Menschen mit derselben Leidenschaft für Pferde kennen, verbrachte den ganzen Tag an der frischen Luft, mal bei absoluten Schneechaos, mal bei strahlendem Sonnenschein, unternahm Ausritte zum berühmten Mount Fuji und erhielt qualifizierten Reitunterricht auf wertvollen Sportpferden.

Doch besonders die extrem langen Arbeitstage, die schlechte Bezahlung, der unfreundliche Umgangston mit uns Volontären und die teilweise nicht artgerechten Zustände der Pferdehaltung störten mich nach einiger Zeit sehr und ließen mich des öfteren über einen vorzeitigen Abbruch meiner Volontärszeit nachdenken. Letztendlich verbrachte ich jedoch die geplanten sechs Wochen im Reitstall und wäre wahrscheinlich sogar noch länger geblieben, hätte ein plötzlicher Todesfall in der Familie mich nicht zur Rückkehr nachhause gezwungen.

Mehr über den frühzeitigen Abbruch meiner Weltreise kannst du hier nachlesen: Weltreise abgebrochen: Ein ganz persönlicher Artikel.

Okamoto Riding Club

Der Okamoto Riding Club ist ein privater Reitstall mit 22 Pferden, einige davon stammen aus eigener Zucht. Er liegt am Fuße des wunderschönen Mount Fuji, umgeben von Reisfeldern, Wäldern und kleinen Dörfern, abseits vom japanischen Großstadtleben und trotzdem nur eine Autostunde von Tokio entfernt. Betrieben wird der Stall vom Besitzer und verschiedenen Volontären, die jeweils für ein paar Wochen oder Monate vor Ort mithelfen.

Entdeckt habe ich den Job auf HelpExchange, einer internationalen Webseite für Volontärarbeit. Im Gegenzug für meine Arbeit erhielt ich kostenlose Unterkunft, Geld für Lebensmittel und einen freien Tag die Woche.

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Ausreiten am Mount Fuji, der an diesem Tag etwas wolkenverhangen war

22 Pferde wollten natürlich versorgt werden, weshalb der Tag stets früh um sieben Uhr anfing, mit Füttern, Ausmisten und dem Ausführen der Pferde auf die Paddocks. An Turniertagen begannen wir Volontäre zwischen fünf und sechs Uhr früh. Gegen halb neun waren wir meist mit den Stallarbeiten fertig und eilten nach und nach zum Frühstück. Viel Zeit blieb allerdings nicht, da um diese Zeit meist schon die ersten Reitschüler eintrudelten, deren Pferde gestriegelt, gesattelt und warm geritten werden mussten. Die Zeit fürs Mittagessen war ebenfalls sehr begrenzt und eine wirkliche Pause hatte ich vielleicht zwei, höchstens drei Mal.

Zwischen 17 und 19 Uhr waren wir Volontäre meist mit der Arbeit im Stall fertig, schrieben dann noch einen Plan für den kommenden Tag, um alle Reitstunden im Überblick zu haben, und gegen 22 Uhr schauten wir ein letztes Mal nach dem Rechten, fütterten die abendliche Portion Heu und brachten einen der Hengste zurück in den Stall.

Auf dem Rücken der Pferde… oder der Volontäre?

Ich bin lange Arbeitstage in Reitställen oder auf Ranchen gewöhnt, so war die Zeit auf der Ponyfarm in Laos oder der Pferderanch in Kambodscha teilweise ebenfalls anstrengend und kräftezehrend, aber darauf solltest du vorbereitet sein, wenn du mit Tieren arbeiten möchtest. Und auch während meiner Zeit in dem sri-lankischen Tierheim gab es manchmal lange Arbeitstage, wenn ein Tier krank war oder ein Neuankömmling versorgt werden musste.

In Japan störten mich nach einiger Zeit jedoch etliche Dinge und nachdem ich den Stallbesitzer einmal direkt auf den eigentlich üblichen Arbeitsumfang eines Volontärs ansprach, behandelte er mich anschließend sehr abweisend und unfreundlich. Er nutzte das Prinzip des Volunteerings vollkommen aus, um durch billige Arbeitskräfte viel Geld zu sparen, denn die Löhne und Kosten für Angestellte in Japan sind sehr hoch. Meine Arbeitstage waren oft länger als 12 Stunden, selten gab es einmal eine Pause die länger als eine halbe Stunde gedauert hätte, die Bedingungen unserer Unterkunft waren eher notdürftig und die Bezahlung reichte gerade so für die teuren Lebensmittel in Japan.

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Zwei Wallache, die morgens etwas Zeit auf dem Reitplatz verbringen durften…

Viel mehr als meine Situation als Voluntärin störte mich allerdings der Umgang mit den Pferden. Diese litten eindeutig am meisten unter der offensichtlichen Profitgier des Stallbesitzers. Während dieser für Boxenmiete, Reitstunden und kurze Ausritte ins Gelände hohe Preise verlangte, waren die Zustände für die Tiere nicht sehr artgerecht. Ein schöner Stall, gutes Futter und gepflegte Ausrüstung macht noch lange kein Pferd glücklich.

Es gab keine Weiden stattdessen nur einen schlammigen Paddock und einen Reitplatz, wo sich einige der Pferde morgens, während wir die Boxen misteten, frei bewegen durften. Anschließend ging es wieder zurück in die Boxen, in denen sie im Laufe des Tages von uns gesattelt und hinunter auf den Reitplatz geführt wurden, wo die Reitschüler schon warteten. Während manche der Schulpferde an „guten Tagen“, gut für den Geldbeutel des Japaners, sieben bis acht Reitstunden bewältigen mussten und dabei weder auf- noch abgewärmt geschweige denn vernünftig gestriegelt wurden, warteten die privaten, vielversprechenden Turnierpferde den ganzen Tag im Stall und wurde regelrecht in Watte gepackt.

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…Während andere Pferde den ganzen Tag im Stall verbrachten

Zudem fielen noch unzählige handwerkliche Aufgaben rund um Stallungen, Zäune oder dem Reitplatz an, die wir Voluntäre zwischendurch versuchten zu erledigen obwohl wir eigentlich gar keine Zeit für diese hatten.

Fazit

Bevor du dich für einen Job in Japan bewirbst, solltest du dir die Stellenanzeige ganz genau durchlesen und diese auch ernst nehmen. So stand in der Anzeige auf HelpExchange deutlich geschrieben, dass es sich nicht um „normale“ Voluntärsarbeit handeln würde, das damit 12-15 stündige Arbeitstage gemeint waren wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. In Japan gibt es zudem, ähnlich wie in Australien, Neuseeland oder Kanada, ein Work and Travel Visum, was es dir ermöglicht einem regulärem Job nachzugehen und ein anständiges Gehalt zu verdienen.

Es ist sehr schade, wenn Arbeitgeber das Prinzip des Volunteerings ausnutzen. Wichtig ist aber, dass du dich traust in einem solchen Fall, oder einfach wenn du mit etwas nicht einverstanden bist, deine Meinung zu vertreten, denn nicht nur du, sondern auch dein zukünftiger Arbeitgeber profitiert davon, wenn du mit vollem Herzen dabei bist und Spaß an der Arbeit hast.

Verfasst von

Hi, ich bin Nadine, 20 Jahre und komme aus Köln! Nach einer achtmonatigen Asienreise, befinde ich mich nun auf einem Roadtrip durch Südeuropa und Marokko, auf den du mich und meinen Hund Gismo auf diesem Blog begleiten kannst. Hier dreht sich alles um die Themen Backpacking, Roadtrips und Reisen mit Hund.

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