Als Volontär in einem japanischen Reitstall

Einen Sommer lang arbeitete ich in einem Turnierstall im japanischen Gotemba am Fuße des Mount Fuji. Dabei verbesserte ich mich nicht nur reiterlicht dank der vielen verschiedenen Pferde die ich täglich ritt, sondern lernte auch mehr über die japanische Arbeitsweise und den häufig sehr barschen Umgangston mit den Mitarbeitern. Wieder einmal wurde ich Teil einer tollen Gemeinschaft und lernte gleichzeitig, was es wirklich bedeutet, in einem Land wie Japan zu leben.

Eigentlich war meine Arbeit im japanischen Reitstall ein absoluter Traumjob, täglich lernte ich neue Menschen mit derselben Leidenschaft für Pferde kennen, verbrachte den ganzen Tag an der frischen Luft und erhielt qualifizieren Reitunterricht auf den wertvollen Sportpferden eines der bekanntesten Springreiters Japans. Doch am meisten in Erinnerung geblieben sind mir neben den japanischen Wetterextremen, Schnee im März und Hitzwelle im Mai, die Stunden alleine mit den Pferden während der Ausritte zum Mount Fuji, einem der Wahrzeichen des Landes.

Okamoto Riding Club

Der Okamoto Riding Club ist ein privater Reitstall mit 22 Pferden, einige davon stammen aus eigener Zucht. Er liegt am Fuße des wunderschönen Mount Fuji, umgeben von Reisfeldern, Wäldern und kleinen Dörfern, abseits vom japanischen Großstadtleben und trotzdem nur eine Autostunde von Tokio entfernt. Betrieben wird der Stall vom Besitzer und verschiedenen Mitarbeitern bzw. Volontären, die jeweils für ein paar Wochen oder Monate vor Ort aushelfen.

Auf den Job bin ich über HelpExchange, eine internationale Webseite für Volontärsarbeit, gestoßen. Im Gegenzug für meine Arbeit erhielt ich eine kostenlose Unterkunft, ein kleines Taschengeld und einen freien Tag die Woche.

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Ausritt am Mount Fuji, der an diesem Tag etwas wolkenverhangen war

22 Pferde wollten natürlich täglich versorgt werden, weshalb der Tag stets früh um sieben Uhr anfing mit Füttern, Misten der Boxen und dem Bringen der Pferde auf die Paddocks. An Turniertagen begannen wir Volontäre zwischen fünf und sechs Uhr früh. Gegen halb neun waren wir meist mit den Stallarbeiten fertig und eilten nach und nach zum Frühstück. Viel Zeit zum gemütlichen Essen blieb uns nie, da um diese Zeit meist schon die ersten Reitschüler eintrudelten, deren Pferde gestriegelt, gesattelt und warm geritten werden mussten. Die Zeit fürs Mittagessen war ebenfalls sehr begrenzt und eine wirkliche Pause hatte ich vielleicht zwei, höchstens drei Mal.

Zwischen 17 und 19 Uhr waren wir Volontäre meist mit der Arbeit im Stall fertig, schrieben dann noch einen Plan für den kommenden Tag, um alle Reitstunden im Überblick zu haben, und gegen 22 Uhr schauten wir ein letztes Mal nach dem Rechten, fütterten die abendliche Portion Heu und brachten einen der Hengste zurück in den Stall.

Auf dem Rücken der Pferde und der Volontäre

Von Ponyhofromantik war meine Zeit im Okamoto Riding Club wirklich weit entfernt. Zum ersten Mal dachte ich beim Work and Travel tatsächlich über einen frühzeitigen Abbruch meiner Arbeitszeit nach, was besonders an den extrem langen Arbeitstagen, der schlechten Bezahlung (weshalb ich mich auch selten als Mitarbeiter und eher als Volontär bezeichnete) und dem sehr unfreundlichen Umgangston zu tun hatte. Außerdem störten mich die teilweise sehr unartgerechten Zustände der Pferdehaltung, wie sie leider im Turniersport international üblich sind.

Ich bin lange Arbeitstage in Reitställen gewöhnt, so war meine Zeit auf der Ponyfarm in Laos, der Pferderanch in Kambodscha oder mein Auslandsjahr auf der Ranch in Marokko ebenfalls häufig anstrengend und kräftezehrend, worauf du jedoch vorbereitet sein solltest, wenn du mit Tieren arbeiten möchtest. Bei Jobs in Drittländern in Afrika oder Asien kommt häufig erschwerend die allgemeine finanzielle Lage des Landes und die niedrigen Durchschnittsgehälter der Einheimischen dazu, zugegebenermaßen gilt dies nicht für Japan. Aufgrund des hohen japanischen Einkommenslevels ärgerten mich die Niedriglöhne der ausländischen Volontäre, die trotz 6-tägiger Arbeit mit meist 10-12 Stunden Schichten häufig unter 300 Euro im Monat lagen, sehr. Außerdem sprach ich den Stallbesitzer sehr direkt auf den eigentlich üblichen Arbeitsumfang eines Volontärs an, normalerweise sind das zwischen vier und sechs Stunden am Tag. Meiner Meinung nach, nutzte er das Prinzip des Volunteerings schamlos aus, um durch billige Arbeitskräfte viel Geld zu sparen und gleichzeitig seine Pferde in professionellen Händen zu wissen, denn wir stellten seine Pferde auch auf Turnieren vor und trainieren sie in der Wettkampfsfreien Zeit.

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Zwei Wallache, die morgens etwas Zeit auf dem Reitplatz verbringen durften…

Viel mehr als meine verdrießliche Situation als Voluntärin störte mich jedoch der Umgang mit den Pferden. Diese litten eindeutig am meisten unter der offensichtlichen Profitgier des Stallbesitzers. Während dieser für Boxenmiete, Reitstunden und kurze Ausritte ins Gelände hohe Preise verlangte, waren die Zustände für die Tiere nicht sehr artgerecht. Ein schöner Stall, gutes Futter und gepflegte Ausrüstung allein machen noch lange kein Pferd glücklich.

Es gab keine Weiden stattdessen nur einen schlammigen Paddock und einen Reitplatz, wo sich einige der Pferde morgens, während wir die Boxen misteten, frei bewegen durften. Anschließend ging es wieder zurück in den Stall, in dem sie im Laufe des Tages von uns gesattelt und hinunter auf den Reitplatz geführt wurden, wo die Reitschüler schon warteten. Während manche der Schulpferde an „guten Tagen“, gut für den Geldbeutel des Japaners, sieben bis acht Reitstunden bewältigen mussten und aus Zeitnot dabei weder auf- noch abgewärmt geschweige denn vernünftig gestriegelt wurden, warteten die privaten, vielversprechenden Turnierpferde den ganzen Tag im Stall und wurden regelrecht in Watte gepackt.

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…Während andere Pferde den ganzen Tag im Stall verbrachten

Zudem fielen noch unzählige handwerkliche Aufgaben rund um Stallungen, Zäune oder den Reitplatz an, die wir Voluntäre zwischendurch meist in unseren Pausen versuchten zu erledigen, obwohl wir eigentlich gar keine Zeit für diese hatten.

Obwohl ich oftmals darüber nachdachte, brach ich meinen Aufenthalt im Reitstall in Japan nicht frühzeitig ab. Im Gegenteil, ich wäre die verabredeten drei Monate geblieben, hätte ich nicht wegen eines plötzlichen Todes eines nahen Verwandten unerwartet nach Deutschland zurückgemusst. Mehr darüber kannst du in meinem Artikel Weltreiseabbruch: Ein ganz persönlicher Artikel nachlesen.

Work and Travel in Japan

Bevor du dich für einen Job in Japan bewirbst, solltest du dir die Stellenanzeige ganz genau durchlesen und besonders auf mögliche Bewertungen und Erfahrungsberichte vorheriger Mitarbeiter achten. So stand in der Anzeige auf HelpExchange deutlich geschrieben, dass es sich nicht um „normale“ Voluntärsarbeit handeln würde, das damit 10-12 stündige Arbeitstage gemeint waren wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. In Japan gibt es zudem, ähnlich wie in Australien, Neuseeland oder Kanada, ein Work and Travel Visum, was es dir ermöglicht einem regulärem Job nachzugehen und ein anständiges Gehalt zu verdienen.

Fazit

Es ist sehr schade, wenn Arbeitgeber das Prinzip des Volunteerings ausnutzen. Wichtig ist jedoch, dass du dir nicht alles gefallen lässt und deine Meinung auch gegenüber dreisten Chefs vertrittst. Lass dich von niemanden unterbuttern und ausnutzen, egal in welchem Land der Welt du dich gerade befindest. Denn nicht nur du, auch auch dein zukünftiger Arbeitgeber profitiert davon, wenn du mit vollem Herzen dabei bist und Spaß an der Arbeit hast.

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Verfasst von

Hi, ich bin Nadine, 22 Jahre alt und ursprünglich aus Köln. Seit einer achtmonatigen Soloreise durch Asien nach dem Abitur hat mich das Reisefieber gepackt. Vor zwei Jahren kaufte ich mir meinen 41 Jahre alten VW-Bus "Henry" mit dem ich seither quer durch Europa bis nach Marokko und Russland reiste. Begleitet werde ich dabei von meinem Hund Gismo. Im Februar steht die nächste Reise nach Berlin an.

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